Freitag, 18. November 2016

Über die Angst

Diesen Blogpost bin ich Änni & Anne schon sehr lange schuldig geblieben. Die Verzögerung tut mir ehrlich leid! Der Artikel liegt aber wirklich schon seit Februar auf meinem virtuellen Schreibtisch, wurde ständig weiter geschrieben und dann wieder abgebrochen.

Nächste Woche jährt sich wieder der Aktionstag „Roses Revolution“, wenn am 25.11. Frauen rosafarbene Rosen an Orten niederlegen, an denen ihnen Gewalt unter der Geburt angetan wurde. Hier findet ihr ausführliche Informationen über den Tag und hier und hier unsere Posts aus den letzten zwei Jahren.
Mittlerweile konnte ich meine traumatische erste Geburt aufarbeiten und habe meinen zweiten Sohn außerklinisch im Geburtshaus bekommen. Wir durften wirkliche eine fast schmerzfreie und völlig komplikationslose Geburt erleben. Unsere Leserin Änni & Anne schrieb unter meinem Geburtsbericht die berechtigte Frage: "Wie man die Angst, dass wieder etwas Schlimmes passieren könnte, ablegt."

Neo-Intensivstation mit Frühchen Sohn Nr. 1

Ich kenne natürlich keinen allgemeingültigen Weg, aber es gibt ein paar Punkte, die mir dabei sehr geholfen haben:

1. Es war nicht meine Schuld
Ein ganz wichtiger Punkt. Diesen adressiere ich an alle Frauen da draußen, die selbst schlimme Erfahrungen unter der Geburt, während der Schwangerschaft oder im Wochenbett gemacht haben:
Es war nicht eure Schuld.
Euer Körper ist weder unfähig, ein Kind zu gebären, noch habt ihr an irgendeinem Punkt versagt.
Ich weiß, dass einem aber genau das suggeriert wird. Egal, wann und mit wem man seine schlimme Geburtserfahrung aufarbeiten will, man wird entweder mit blöden Sprüchen abgeschmettert („dem Kind geht es doch gut, das ist die Hauptsache“, „Gebären ist halt nicht schön“, …) oder die Notwendigkeit der Maßnahmen, unter denen man gelitten hat, wird als Gegenargument angeführt.
Mein Tipp ist an dieser Stelle, euren Geburtsbericht anzufordern und die Geburt mit den damals Anwesenden durchzusprechen. Ihr erinnert euch nicht an die Dinge, die dort erwähnt wurden? Lasst euch erklären, warum sie passiert sind. Rückversichert euch auch, OB sie wirklich passiert sind. Was sagt euer Partner oder die Begleitperson, die dabei war?
Ich will medizinischem Personal auf keinen Fall falsches Verhalten unterstellen (nicht als Generalverdacht), wir haben aber ein großes Problem in unserem medizinischen System und damit auch in der medizinischen Geburtshilfe: wir müssen Fehler beweisen. Und macht das mal. Das ist in unserem System so gut wie unmöglich.
Unter Geburten passieren aber Fehler. Es wird an Stellen interveniert, an denen Abwarten das Richtige gewesen wäre und es wird an anderen Stellen nichts getan, wenn frau Hilfe gebraucht hätte.
Immer weniger Zeit für immer mehr Patientinnen  bei immer weniger Personal…darunter leidet nicht nur die Geburtshilfe. Mütter haben aber keine politische Lobby, darum wird an uns gespart - und darum sind solche Aktionen wie Roses Revolution so wichtig.
Führt euch ein ganz entscheidendes Paradoxon vor Augen: auf der einen Seite wird man unmündig gemacht, sobald man eine Klinik betritt. Man ist Patientin und die anderen sind das Fachpersonal, die wissen, was sie tun, und wir müssen ihnen dabei vertrauen. Dabei zählen für sie neben unserem Wohl auch Durchlaufzahlen und Abrechnungsfragen. Auf der anderen Seite soll man dann aber sehr wohl Unterschriften leisten, Interventionen absegnen und keiner zieht sich am Ende den Schuh an, wenn die Geburt dramatisch verlaufen ist. Außer wir Mütter.
Im Nachhinein sind mir einige Dinge aufgefallen, die unter meiner ersten Geburt katastrophal falsch gelaufen sind. Es hat aber Jahre gedauert, halbwegs befriedigende Antworten auf meine Fragen zu bekommen, die Gefühle von (meiner) Schuld und Versagen soweit zu verarbeiten, dass ich wieder kritisch und analytisch die Ereignisse rund um die Geburt reflektieren konnte.
Sowas braucht vielleicht einfach Zeit.
Schließlich ist man direkt nach der Geburt mit so vielen anderen Dingen beschäftigt. Viele Frauen, die unter traumatischen Erlebnissen gelitten haben, müssen zudem erst einmal die Scherben ihrer Selbst aufsammeln UND sich auch noch um ein Baby kümmern. Dabei stehen sie (wir) oft ganz alleine mit allem da.
Deshalb ist der Punkt, die Schuld für Komplikationen und/oder schwere Geburten eben NICHT bei sich zu suchen sondern kritisch und reflektiert das Erlebte zu verarbeiten, auch der schwierigste. Aber meiner Meinung nach der wichtigste. 
An dieser Stelle muss ich aber auch erwähnen, dass ich generell eher zu den aufmüpfigen und kritischen Menschen gehöre, mich um gewisse Dinge zu streiten, ist einfach mein Naturell. Mir ist aber durchaus bewusst, dass nicht jede in so ein offenes Gespräch mit den Beteiligten gehen kann. Dann sind Gespräche darüber in einem geschützteren Rahmen mit Personen eures Vertrauens die bessere Alternative.

2. Vorbereitung ist alles
Eigentlich schließt dieser Punkt an den vorherigen an. Um sich auf die nächste Geburt richtig vorzubereiten, ist das Verarbeiten der vorherigen vielleicht nicht unbedingt notwendig, aber sicherlich hilfreich. Ohne die Kraft des Verdrängens vernachlässigen zu wollen, hätte ich die Sorge gehabt, dass unter der nächsten Geburt dann Prozesse ablaufen oder das Erlebte auf eine unkontrollierte Art hochkommt, die dann negativen Einfluss auf den Geburtsverlauf gehabt hätten.
In meiner zweiten Schwangerschaft hatte ich das Glück, einen wirklich guten Geburtsvorbereitungskurs zu besuchen. Dieser war bei meiner Hebamme und in dem Geburtshaus, in dem ich später auch entbunden habe. Bei meinem ersten Kind hatte ich zwar auch einen, aber an dem Crashkurs am Wochenende mit Partner konnte ich nicht mal ansatzweise das mitnehmen, was ich vielleicht gebraucht hätte, um mich unter der Geburt auch gegen Maßnahmen wehren zu können.
Jetzt im Nachhinein verstehe ich ehrlich gesagt auch nicht, warum man sich so sehr auf die Schwangerschaft vorbereitet und ihren Verlauf mit dem eigenen Verhalten (bzw. Verboten was Essen, Sport, usw. angeht) aktiv beeinflussen will, bei der Geburt aber nicht die gleiche Sorgfalt walten lässt. Schließlich kommt es doch fast nur auf die letzten Stunden der Schwangerschaft an, die letztlich entscheiden, wie das Kind auf die Welt kommt. Diese werden aber oft wie eine „Black Box“ behandelt und man will (oder soll) alles „auf sich zukommen lassen“.
Dabei KANN man sehr wohl den Geburtsverlauf aktiv mitbestimmen, man SOLLTE das sogar. Denn bei allen schöngefärbten „dein Körper weiß schon, was er tut“ ist das nun mal nicht so einfach. Wir geben während der Schwangerschaftsvorsorge viel ab (was per se ja nicht schlecht ist) und müssen am Ende der Schwangerschaft den Modus komplett umschalten und unser Kind auf die Welt bringen. Das gelang mir beim ersten Kind wegen mangelnder Erfahrung und Vorbereitung nicht.
Was aber auch ganz massiv gefehlt hat, war das Vertrauen in meine eigene Entscheidungsfähigkeit.

3. Habt Vertrauen in euch und euer Kind
Hinzu kommt aber natürlich auch die allgemeine Verunsicherung, mit der frau während der Schwangerschaft permanent konfrontiert wird. Wir sind fast alle risikoschwanger, dabei entweder zu jung, zu alt, zu dick, zu dünn, wir arbeiten zu viel oder bewegen uns zu wenig. Die Liste lässt sich unendlich fortführen und sogar auf das Kind übertragen. Das ist nämlich auch zu groß oder zu klein, hat nicht passende (Norm-)Werte oder oder oder. Monate der Sorge sind eher kennzeichnend für viele Schwangere als in freudiger Erwartung zu sein.

Es ist unfassbar schwer, da ein gesundes Verhältnis zu sich, seinem Körper und seinem Kind zu entwickeln. Über die Folgen unserer engmaschigen Schwangerschaftsvorsorge und dem Umgang mit dem (Nicht-)Wissen will ich an dieser Stelle auch gar nicht diskutieren – mich beruhigt es nämlich auch, alle medizinischen Möglichkeiten nutzen zu können.
Es ist aber ein schmaler Grat zwischen Aufklärung und Entscheidungsdruck, der oft mehr Unsicherheiten produziert als Vertrauen aufbaut.
Als eine der schlimmsten Beleidigungen und menschenfeindlichsten Äußerungen fasse ich den häufig genutzten Spruch unter der Geburt „Sie wollen doch sicherlich nur das Beste für Ihr Kind?!“ auf, der verwendet wird, um Angst zu schüren, damit alle Maßnahmen doch schließlich wider dem eigenen Empfinden oder Bauchgefühl abgesegnet werden. Schlicht aus der Sorge, seinem Kind zu schaden, wenn man sich nicht fügt.
Dabei sollte allen klar sein, dass jede Mutter nur das Beste für ihr Kind will. Und das als argumentatives Druckmittel zu verwenden, ist ethisch absolut fragwürdig und hat nichts – aber auch rein gar nichts – mit medizinischer Aufklärung zu tun.
Doch wie soll man das Vertrauen aufbauen, wenn es einem damit wirklich schwer gemacht wird?
Mein letzter Tipp:

4. Schützt euch selbst und macht, was euch gut tut
Die Schwangerschaft ist eine hoch sensible Phase. Wir sind auf der einen Seite extrem verletzlich und müssen gleichzeitig für uns und unser Kind einstehen. Das ist unfassbar anstrengend. Deshalb habe ich meine zweite Schwangerschaft für all die Dinge genutzt, die ich bei der ersten verpasst habe: ich habe Kurse besucht, Zeit für mich fest eingeplant und mich nur mit Dingen befasst, die mir gut taten. Für mich waren Meditationsübungen und Angstvisualierungen (um konkrete Ängste abzubauen) genauso hilfreich wie medizinische Debatten und kritische Gespräche mit Fachpersonen.
Dabei hielt ich mir bewusst vom Hals, was mich negativ hätte beeinflussen können.
(btw Ist das - neben dem süßen Kind natürlich - eine der besten Nachwirkungen aus der Zeit. Ich bin ziemlich selbst-bewusst geworden, was das angeht. Das Wort "egoistisch" wähle ich absichtlich nicht, obwohl es mir typischerweise als erstes in den Sinn kam)

Nach der Geburt von Sohn Nr. 2 direkt Zuhause

Fazit
Ich denke, es gibt nicht DEN einen Weg, wie man mit seiner Angst am besten umgehen kann. Genauso wenig, wie es DIE eine Art oder Umgebung zu gebären gibt, mit der sich frau garantiert am wohlsten fühlt.

Darum habe ich auch keinen Post darüber geschrieben, wie sicher die außerklinische Geburt ist (dabei hatte ich die Daten schon recherchiert ^^), denn auch da gilt, dass dies nicht der einzige Königinnenweg ist. Für mich war es richtig, mich aus der medizinischen klinischen Geburtshilfe beim zweiten Mal rauszuhalten, aber ich bin dieser auch prinzipiell sehr kritisch eingestellt.
Wichtig ist, denke ich, dass jede Mutter dabei unterstützt wird, ihren Weg zu finden und das Erlebte auch so aufzuarbeiten, wie es für sie am besten ist.
In dem Zuge möchte ich hier noch den sehr schönen Artikel „Gewalt beginnt im Kleinen und die Revolution bei uns selbst“ von Silke von Elternstimme sichereGeburt verlinken, die dafür die besseren Worte findet als ich.

Für mich war die kompetente und tolle Betreuung durch meine Hebamme sehr hilfreich, aber auch die Übungen, die ich mir abseits im HypnoBirthing gesucht habe, haben meine Ängste abbauen können und mich die meiste Zeit sehr entspannt bleiben lassen.

Ich wünsche allen Müttern mit schlechten Erfahrungen oder sogar Geburtstraumata, dass sie ihren persönlichen Weg finden, um damit umzugehen und das Erlebte gut für sich verarbeiten <3!

Kommentare:

  1. Danke für diesen tollen Artikel! Eins würde mich aber sehr interessieren: wie ist denn dein Partner mit dieser Angst umgegangen? Ich denke mal, dass das ja sicherlich Thema bei euch war und er ja sicher auch bedenken hatte, wenn eine zweite Schwangerschaft ansteht. Konnte er dir bei deiner Angstbewältigung helfen bzw du ihm?
    Klar, Frau bekommt das Kind und hat sicherlich damit auch den Hauptteil an Bedenken und etwas anders gelagerte Ängste. Aber dem Partner ist es ja sicherlich nicht egal, wie es Frau geht und wie sie aus der Geburt kommt/wie sich auf die folgende Zeit und vielleicht auch folgende Schwangerschaften eingestellt wird.
    Ich stell mir das für den Mann sehr schwierig vor, eben weil er ja auch überhaupt nicht eingreifen kann, während die Frau leidet. Das belastet sicher auch.
    Würde mich einfach mal interessieren, wie man als Paar damit umgeht und wie vielleicht die Ängste des Mannes gelagert sind, wenn seine Frau (und letztlich auch er selbst) etwas so traumatisches erlebt.
    Ganz liebe Grüße,
    EsistJuli

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    1. Liebe EsistJuli,
      ich habe meinen Mann gefragt, ob er einen Post dazu aus seiner Sicht schreiben würde, mir fiel auf deine Frage nämlich tatsächlich keine Antwort ein.

      Klar, seine Ängste waren schon Thema. Aber dabei ging es hauptsächlich um den Kompromiss, dass ich in einem Geburtshaus entbinde und nicht Zuhause. Eigentlich war ich für eine Hausgeburt, ihm war die Kliniknähe aber sicherer. gerade weil wir beim ersten Kind erlebt haben, wie notwendig medizinische Maßnahmen unmittelbar nach der Geburt sind.

      Ansonsten hielt er sich mir gegenüber immer sehr zurück, was seine eigenen konkreten Sorgen angingen. Ihm war eher wichtiger, dass ich mich gut fühle und sein mir entgegengebrachtes Vertrauen - also dass ich schon weiß, was ich da tue - half mir auch, selbstsicherer zu werden.

      Vielleicht schreibt er ja als Gastautor mal was dazu :).

      Liebe Grüße,
      Chutriel

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