Samstag, 18. April 2015

Eindeutig egoistische Motive, ein Kind zu haben

Seit der Studie "Regretting Motherhood" der israelischen Soziologin Orna Donath (hier die komplette spannende Studie zum Download) über Mütter, die ihre Mutterschaft bereuen, ist der Hashtag #regrettingmotherhood derzeit in aller Munde und stößt wichtige Diskussionen an. 

So fühlen sich viele Mütter dazu bewegt, nicht sozial erwünscht, sondern ehrlich über ihre auch negativen Erfahrungen und Gefühle zu reden. Das ist gut und das ist richtig so!

In der öffentlichen Diskussion fallen mir allerdings vermehrt die Artikel der Nicht-Mütter auf (hier ein wirklich gelungener der SingleFrau auf dem Stern-Blog), die ihre angeblich so egoistische Entscheidung, keine Kinder haben zu wollen, mit den Offenbarungen der Studie bestätigt sehen.

Auch hier muss ich sagen, das ist gut und richtig so, jede Frau sollte - ohne kritisiert zu werden - , sich auch gegen Kinder entscheiden dürfen.

Aber warum ist das egoistisch? Kinder zu bekommen wird sofort gleichgesetzt mit Selbstaufgabe und Selbstopferung, was natürlich unleugbar ein Bestandteil ist. Aber un-egoistisch? 

Kinder zu bekommen ist meiner Meinung nach wesentlich egoistischer, als keine Kinder zu wollen.

Hier mein Gegenentwurf*, anhand der meist angeführten und angeblich so egoistischen Gründe für den Verzicht auf eigene Kinder:

Die Argumente der Kinderlosen und die eindeutig egoistischen Antworten, warum ich mein Kind bekommen habe

1. Ich will mein Leben/Körper nicht ruinieren
Oft scheinen Kinderlose nicht bereit, ihren Lebensstil an ein Kind anzupassen. Oder ihren Körper für eine Schwangerschaft leiden zu lassen. Sie nehmen sich und ihr Leben so wichtig, dass sie nicht zurückstecken wollen. Wie arrogant sie dabei doch sind…meinen sie zumindest. Ich sage, Eltern sind wesentlich arroganter. 
Ich halte meine Werte, meine Einstellung zum Leben und letztendlich meine Grübchen für so besonders toll, dass ich sie unbedingt weitergeben wollte. Mein Kind nicht nur mit der Hälfte meiner Gene, sondern auch mit meiner Überzeugung zu politischen, religiösen und ethischen Grundfragen zu füttern, ist eine absolut egoistische (oder egozentrische) Haltung. Das ist wesentlich narzisstischer, als seinen jugendlichen Körper behalten zu wollen. Wie größenwahnsinnig ist es denn schließlich, einen Menschen durch seine Erziehung und Genmaterial nach dem eigenen Gutdünken zu formen?

2. Ich will mich beruflich nicht einschränken
Dieses Argument wird oft angeführt. Ich will mich beruflich auch nicht einschränken. Ich arbeite trotzdem und strebe dabei eine erfolgreiche Karriere an. Sie verläuft garantiert anders, als wenn ich kinderlos geblieben wäre, aber garantiert nicht schlechter. Meine Haltung jetzt dem nächsten Arbeitgeber gegenüber ist nämlich wesentlich egoistischer als vor der Geburt meines Sohnes. Ich bestehe auf eine Work-Life-Balance. Nein, ich bestehe nicht nur, ich fordere sie jetzt ein. Für mein Kind. Aber ganz ehrlich, auch für mich selbst. Denn weniger zu arbeiten und mehr Zeit mit meinem Kind zu verbringen, will ich garantiert nicht nur meinem Kind zuliebe, sondern auch für mich. Es gefällt mir persönlich ganz gut, weniger an einem Schreibtisch zu hocken und dafür auf dem Spielplatz in der Sonne sitzen und ein Eis essen zu können. Früher habe ich teilweise bis 23 Uhr gearbeitet. Das fällt mir jetzt nicht mal mehr im Traum ein. Weil ich es nicht mehr WILL, nicht weil mein Kind mich einschränkt! Und trotzdem WILL ich auch beruflich erfolgreich sein und keine Nachteile durch mein Kind erfahren. Das bringt mir nicht nur den Zorn der Vollzeit-Mütter ein, sondern auch derjenigen, die für ihre Karriere auf Kinder verzichtet haben. Ich bin egoistisch genug, um auf beides zu bestehen und finde es richtig so.

3. Ich will mein Geld für mich ausgeben
Oft wird von Kinderlosen behauptet, sie gäben egoistischerweise ihr Geld lieber für sich als für ein Kind aus. Und ich gestehe hiermit, dass ich garantiert 70 Prozent der Dinge, die ich „für das Kind kaufe“ eigentlich für mich kaufe. Die Konsumrichtung ändert sich vielleicht, der Spaß am reinen Geldausgeben bleibt gleich egoistisch – oder warum sollte es mein Kind interessieren, ob die Schuhe zur Mütze passen? Nein, Mama hat Spaß dran und kauft noch ein niedliches Set zu der neuen Mütze.

4. Ich will keine Rücksicht auf ein Kind nehmen müssen
Wer einmal einer Mutter mit Kinderwagen in den engen Gängen eines Supermarktes begegnet ist, weiß, wer die Stärkere ist. Kinderlose wollen sich nicht einschränken? Eltern erwarten per se die komplette Rücksichtnahme ihres Umfelds auf ihre persönlichen Lebensumstände. Damit haben sie meiner Meinung nach die definitiv egoistischere Haltung. Wer nicht rechtzeitig aus dem Weg springt, bekommt blaue Flecken. Eltern wollen meist, dass alle auf ihr Kind Rücksicht nehmen. Der Postbote darf keine Pakete in der Mittagsschlafstunde vorbeibringen, die Familie abends nicht mehr anrufen oder - meldet es dem Kinderschutzbund!  - es darf niemand in der Gegenwart der Kleinen rauchen. Auch wenn es die öffentliche Bushaltestelle ist.

5. In diesem Land sollte man keine Kinder bekommen
Trotz der so oft angezeigten Kinderfeindlichkeit in diesem Land erlebe ich tagtäglich das genaue Gegenteil. Ich kriege überall was umsonst. Brezeln, Bonbons, Waffeln, Eis…na gut, mein Sohn bekommt es geschenkt. Aber da er noch zu klein ist, staube ich es ab.
Aber damit nicht genug. Ich erfreue mich an den steuerlichen Vorteilen, den Finanzierungen vom Staat, den gesetzlichen Sonderurlaubstagen und schlussendlich auch an den Eltern-Kind-Parkplätzen, die so breit sind, dass ich dort quer parken kann. Auch ohne Kind an Bord (der Kindersitz ist ja immerhin installiert) nutze ich so gerne den kurzen Weg zum Eingang. Natürlich ist das Leben mit Kind wesentlich anstrengender und umständlicher, es gibt aber viele Hilfen und Unterstützung, die man beantragen und einfordern kann. Und ich halte überall da die Hand auf, wo sie mir zustehen.

6. Kinder durchkreuzen Pläne
Wie oft höre ich, dass sich Kinderlose darüber auslassen, mit ihren Freunden, die Eltern geworden sind, sei nichts mehr anzufangen. Ständig ist das Kind krank oder der Babysitter abgesprungen. Die armen Eltern, sie können überhaupt nichts mehr unternehmen. Und dann nicke ich und zähle gedanklich, wie oft ich diese Ausrede bemüht habe, nur weil ich schlichtweg keinen Bock hatte. Ähm…oft, und mein Kind kann rein gar nichts dafür. Ich bin jetzt im Ausredenparadies, wenn ich aus rein egoistischen Motiven (zu müde, zu faul, zu was auch immer) keine Lust auf irgendwas habe, ist mein Kind Schuld und ich umgehe bequem Konflikte.

7. Die Überalterung der Gesellschaft ist mir egal
Kinderlose werden oft als egoistisch abgestempelt, weil sie mit dem fehlenden Nachwuchs nichts für unser Rentensystem tun. Die Überalterung der deutschen Gesellschaft sei ihnen egal. Naja...ganz ehrlich, mir auch. Und ich kenne keine Eltern, die als ausschlaggebenden Grund bei ihrem Kinderwunsch Vater Staat angeführt haben. Im Gegenteil sogar: würden Eltern aktiv was gegen die demografische Entwicklung in unserem Land machen wollen, würden sie mehr als die nicht ausreichenden 1,4 Kinder bekommen. Nein, wir kriegen so viele (oder wenige) Kinder, wie es für uns am idealsten ist, nicht wie es für unser Land am besten wäre.

8. Ich will meine Liebe nicht teilen
Ein Kind bedeutet emotionalen Aufwand. Kinderlose scheuen diesen und wollen ihre Liebe für ihren Partner oder für sich behalten. Als Gegenargument wird ihnen oft das berühmte "du bekommst so viel zurück" entgegengeschleudert, womit herzlich wenig anzufangen ist. Vor allem, wenn wir über das Ego reden, sind sabbernde Küsse oder das strahlende Lächeln am Morgen nach einer durchwachten Nacht nicht befriedigend. Wovon ich aber rede, ist das Selbstwertgefühl, das einem das eigene Kind tagtäglich selbstlos poliert. Das pinselt das Ego auf eine Art und Weise, gegen die der Partner wirklich einpacken kann. Natürlich werde ich auch getreten und angebrüllt, aber bisher hat mich niemand mit so viel Stolz und Zuneigung  vor wildfremden Leuten mit "Da! Mama!" vorgestellt und mir jeden Tag das Gefühl vermittelt, ich sei der Mittelpunkt des Universums und der beste Mensch auf der Welt wie mein eigenes Kind es ständig tut. Ich habe meinen größten Fan Zuhause, der mir jeden Tag zeigt, wie großartig er mich findet. Mehr Selbstbestätigung geht kaum. 

Fazit
Und jetzt sagt noch mal, das Elternsein sei vollkommen selbstlos und eigentlich hat man nichts davon...natürlich bedeuten Kinder Verzicht und erfordern Rücksichtsnahme. Aber nicht nur und auch nicht vollständig. Und auch nicht für den Rest des Lebens in dem Maße, wie ein Baby und/oder ein Kleinkind dies einfordern.

Wichtig ist meiner Meinung nach, die Perspektive immer mal wieder ein bisschen gerade zu rücken und sich nicht ständig auf diese emotionale und vor allem Wert aufgeladene Diskussion einzulassen, wenn es um den Kinderwunsch, die Elternschaft oder um den Verzicht auf Kinder geht. Kinderlose tragen nicht weniger zur Gesellschaft bei als Eltern und Eltern sind nicht weniger egoistisch als andere Menschen. Mütter sollten die Last der Verantwortung und den Verzicht nicht alleine tragen müssen und Väter bei der aktiven Elternschaft mehr unterstützt werden. 

Wir teilen doch unsere Ansichten und Wünsche nach einem lebenswerten Dasein ob mit oder ohne Kinder, gewollt oder ungeplant. Nur von unterschiedlichen Perspektiven aus und haben dabei diverse Meinungen. Und darüber kann man reden.



*Achtung: Natürlich ist dieser Gegenentwurf mit einer Leichtigkeit geschrieben, die eine unprekäre Lebenssituation mit Kind ermöglicht. Damit will ich weder ernst zunehmende Probleme von Eltern kleinreden noch gesellschaftliche Bedingungen, die die Elternrolle erschweren, unter den Tisch fallen lassen. Sie sind nur gerade nicht Bestandteil des Themas in diesem Post. 


Kommentare:

  1. Vielen Dank dafür! Das war ein wirklich erfrischender Beitrag und meiner Meinung nach genau das, was in einer Gesellschaft, in der man sich als Kinderlose oder frischgebackene Mutter oft ein schlechtes Gewissen einreden lassen muss, weil die eigene Lebensplanung nicht sozial verträglich ist bzw. man mit dem Kind ja alles falsch macht, unbedingt auch mal gesagt werden muss. Kinder haben oder nicht - aus diesem Thema muss meiner Meinung deutlich die Hysterie abgelassen werden. Ich weiß noch nicht sicher, ob ich einmal Kinder haben werde, auch, weil ich den Eindruck habe, dass sich hinterher schlecht fühlen oder zweifeln angeblich nicht OK ist - was natürlich nicht stimmt. Es ist schön, das auch mal Mütter sagen zu hören. Nobody's perfect. Und jeder soll so leben, wie er sich das am besten vorstellen kann. Cool!

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    1. Ich stimme dir absolut zu liebe kuhmilchrockt!

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    2. Danke für das Kompliment :)! Da hast du absolut Recht, kuhmilchrockt, es ist nicht nur hysterisch, sondern total emotional und mit Werten aufgeladen. Du bist ja leider nicht die einzige, die diese Haltung und auch die Bedingungen als so unangenehm empfindet, dass sie schon den Kinderwunsch beeinträchtigen kann. Und das ist doch tragisch!

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  2. Ich finde Kinder zu haben gar nicht egoistisch, denn man leistet viel über das hinaus, was einem Spaß macht. Man sagt zwar „Ich mache das gerne für mein Kind“, aber würde ehrlich gesagt doch lieber durchschlafen und nicht abends noch die Berge Kindergeschirr abwaschen müssen. Spaß macht es grundsätzlich schon, aber ist Spaß = Egoismus?

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    1. Deshalb habe ich ja versucht, die angeblich egoistischen Argumente gegen Kinder aus meiner Sicht zu beantworten und eigentlich genau die Dinge, die du nennst, ausgeklammert. Das halte ich nämlich auch nicht für egoistisch.

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