Freitag, 10. April 2015

Emotionale Narben auflösen - das Heilgespräch

Im letzten Blogpost habe ich davon berichtet, dass wir mit zwei der drei Schritten aus Messners Buch "Emotionale Narben auflösen" unseren traumatischen Start aufarbeiten.

Dafür habe ich mit dem Heilgespräch begonnen, parallel zu der Gabe von dem Schüssler Salz Nr. 8 (zum Blogpost hier entlang). Meine Hausärztin sprach davon, dass wir die "Dämme brechen und zum eigentlichen Trauma durchdringen" - warum die Salze das können...keine Ahnung. Mein Sohn aber weinte und weinte. Stundenlang weinte er sich durch die Nächte, drei Nächte in Folge.

Da überwand ich mich das erste Mal in über 1 1/2 Jahren und sprach mit meinem Kind über seine Geburt und die Zeit danach. Alle Eltern mit kleinen Kindern wissen, dass Kinder wesentlich mehr verstehen, als wir durch ihre eigene Sprachfähigkeit vermuten würden. Brigitte Meissner schreibt dazu:
"Glauben Sie mir, Babys und Neugeborene verstehen von unseren Worten viel mehr als wir ahnen. Sie verstehen nicht rational, sondern emotional. Sie verstehen mit ihrem Herz." (S.69)
Ich fühlte mich recht überfordert mit der Situation, wollte mein Kind mit seinen Gefühlen aber nicht alleine lassen. Wie ich schon geschrieben habe, berührt die Geburt nun mal ein Thema, welches ich selbst nicht gerne herauskrame. Meissner empfiehlt für ein Heilgespräch einen ungestörten Moment am Tag, mindestens eine halbe Stunde lang. Dieser soll passieren, wenn alle wichtigen Bedürfnisse erfüllt sind (das Kind also nicht hungrig oder müde ist). Dann "nehmen Sie Ihr Kind in die Arme und erzählen Sie ihm in einfachen kindgerechten Worten und Sätzen die Geschichte Ihrer gemeinsamen Schwangerschaft und/oder Geburt." (S.73)

Wenn das Kind oder man selbst weinen muss, soll man diese Gefühle zu- und rauslassen. Kinder haben keine Angst vor starken Emotionen. Das Gegenteil ist der Fall, sich auch mit diesen negativen Gefühlen der Einsamkeit, des Schmerzes und der Angst ernstgenommen und verstanden zu fühlen, ist laut Meissner immer und in jedem Fall heilsam. Bei älteren Kinder kann man noch mit anderen Reaktionen rechnen. Falls sie eine deutliche Abwehr zeigen (Ohren zu halten, Zimmer verlassen, ...) soll man dies respektieren, aber nicht locker lassen.
"Das Kind muss respektiert werden, aber gleichzeitig soll es die Mutter als kontinuierlich anwesende Vertraute erleben, die 'dran bleibt' und ihre gemeinsame Geschichte als die Grosse, Behütende und Nährende mit dem Kind klären möchte; gerade weil die dramatischen oder belastenden Geburts- oder auch Schwangerschaftsgeschichten sehr oft das Thema der Verlassenheit oder Einsamkeit für das Kind (manchmal auch für die Mutter) beinhalten. Hier kann vieles richtig gestellt, geklärt und im Nachhinein genährt werden [...]" (S. 79)
Weil ich nicht wusste, wie ich anfangen sollte, nahm ich das Fotoalbum zur Hilfe. Für mich war das Erstellen damals schon ein Stück Selbsttherapie, da ich rund ein halbes Jahr nach der Geburt die Fotos sichtete, ordnete und in ein hübsches Fotobuch verpackte. So habe ich mich mit unserem Start versöhnt.

Also nahm ich mir einen kuscheligen Moment nach dem Baden und zeigte meinem Sohn das Buch.

Auszug aus dem Fotoalbum

Da ich jeden Entwicklungsschritt dokumentiert hatte, konnte ich anhand der Bilder von der Zeit erzählen. Das fiel mir definitiv leichter, als unmittelbar von meinen Gefühlen zu sprechen. Mein Kind saß auf meinem Schoß (wie immer) und fand zuerst die Seiten der Schwangerschaft am spannendsten. Als wir aber zu den Seiten mit Fotos von ihm kamen, überraschte er mich tatsächlich sehr mit seiner Reaktion:

Er nahm mir das Buch aus der Hand und kletterte von meinem Schoß, um es sich alleine und in einiger Entfernung von mir in Ruhe anzusehen. Das hat er noch nie gemacht.

(Mein Kind gehört nämlich zu der Sorte, die nie irgendwas alleine machen wollen. Nie! Alles passiert auf meinem Schoß, sogar Lego bauen...) 

Dabei sah er sich die Bilder sehr konzentriert an und verstand auch, dass es sich dabei um ihn handelte. Er zeigte auf das Baby im Buch und dann auf sich. Als M. später dazu kam, zeigte unser Sohn auch ihm die Bilder im Buch und sah sie sich nochmal mit seinem Vater an. Dabei war er wirklich sehr ruhig und fast schon nachdenklich. Ein absolut untypisches Verhalten.



In den folgenden Tagen forderte er das Ansehen der Bilder ständig ein und erst nach einigen Wochen, die wir dann auch immer wieder über das, was wir da sahen, geredet haben, ebbte das Interesse langsam ab.

Für mich passierte am Anfang aber ein sehr bewegender Moment, der mich von der Richtigkeit dieses Heilgespräches überzeugt hat: nach einer durchgeweinten Nacht, die er wirklich stundenlang in meinem Arm lag und wimmerte, lief er (während ich noch im Halbschlaf auf der Matratze döste) nach dem Aufstehen direkt zum Regal, griff nach dem Buch und warf es mir ins Gesicht - das ist typisches Verhalten :-D. So als würde er mir zeigen wollen, was ihn in der Nacht beschäftigt hat.

Und jetzt vielleicht das wichtigste: Die Nächte sind leider unverändert. Damit haben wir also keinen "Erfolg" gehabt, dennoch würde ich die heilsame Wirkung eines solchen Gespräches nicht kleinreden wollen. Die Schublade, in der ich unsere Erfahrungen rund um die Geburt gesteckt habe, ist nun jederzeit zugänglich. Auch zwischen mir und meinem Kind. Ich kann jetzt freier und offener aus der Zeit und von den Erfahrungen sprechen und hoffe, dass mein Sohn sich dadurch besser von mir verstanden fühlt.

Im nächsten Blogpost berichte ich euch dann von den Heilbädern, die momentan eher so mittelgut laufen. Da sich im Allgemeinen keine Verbesserung der Nächte eingestellt hat, war ich auf der Suche nach einer therapeutischen Begleitung für unser Re-Bonding - auch wenn die Heilgespräche und -bäder die emotionalen Narben nicht aufgelöst haben, empfinde ich die Erläuterungen in dem Buch, die ein erschüttertes Urvertrauen bei Kindern und deren Auswirkungen schildern, als sehr sinnvoll - und bin auf eine Fachfrau für neurophysiologische Entwicklungsstörung gestoßen, mit der ich einen Termin in der nächsten Woche habe.

Ich halte euch informiert :).

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