Freitag, 15. August 2014

70cm geballte Rebellion

Schon wieder ich zu meinem Lieblingsthema Erziehung. Nein, Spaß. Ich HASSE es! Am liebsten hätte ich eine Kinderfrau, die mir meinen Sohn frisch gebadet und artig nur zum Gute Nacht Kuss darreicht. Während ich mich den ganzen Tag nicht von der Couch bewegt und Tee getrunken habe.
(So ist zumindest meine romantisch Vorstellung vom Familienleben aus ehemaligen gutbürgerlichen Zeiten.)

Von heute auf morgen hat Sohnemann entdeckt, dass Mama nicht God allmighty ist und der Mini-Mensch Mitspracherecht hat. Toll. Das hat man also davon, wenn man sich erst über die steigende Selbstständigkeit des Kindes freut. So schnell konnte ich gar nicht gucken, wie ich mir das kleine und hilflose Baby zurück gewünscht habe.

Wie ihr ja wisst, verwende ich das Wort Nein nicht gerade inflationär, denn eigentlich sollte es sich so nicht abnutzen. Aber weit gefehlt. Jedes Nein wird mittlerweile konsequent ignoriert, jede erzieherische Maßnahme (Wegsetzen, Raussetzen, mildes Ausschimpfen) bringt GAR NICHTS! Und es wird sich mit Händen und Füßen gegen alles gewehrt, was ich durchsetzen will. Dabei geht es um alltägliche Dinge, die scheinbar schon scheiße sind, nur weil ich sie von ihm verlange.

Anziehen, Wickeln und Füttern werden boykottiert und mit wildem Geschrei quittiert. Dabei schlägt er nach mir und wütet so rum, als würde ich ihn furchtbar quälen. Zuerst war ich erschrocken und traurig über seine Unzufriedenheit. Jetzt bin ich nur noch wütend und genervt. Dazu muss man sagen, dass ich für gewöhnlich nicht mal lauter werde. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich streiten oder schreien. Im Gegenteil, meistens bin ich sehr ruhig und zurückhaltend. Der Alltags-Hausfrauen-Frust gepaart mit dem dünnen Nervenkostüm auf Grund des Schlafmangels lassen mich allerdings sehr...empfindlich auf mangelnde Kooperationsbereitschaft reagieren. 

Mein Kind schafft es dann, mich total aus der Fassung zu bringen. 

Ich knalle Türen, packe ihn teilweise fester an als gut wäre und habe ihn sogar schon zweimal angebrüllt. In diesen Momenten fühle ich mich nicht nur wie die schlechteste Mutter der Welt, ich weiß auch, dass ich es bin. Und es tut mir schrecklich leid.
Trotzdem kann ich in solchen Momente nichts dagegen machen, dass ich weder mich noch mein eigenes Kind besonders gut leiden kann. Er kann dann nämlich zu einem richtigen Arschloch mutieren und ich bin entsetzt darüber, wie scheiße ich ihn finden kann.



Nichts da mit überwältigenden Muttergefühlen bestehend aus reiner Liebe, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche nur so aus mir rausprudeln. Nein, ich bin müde, erschöpft, genervt und finde das Leben mit ihm teilweise richtig zum Kotzen. Das einzige, was mir dann noch übersprudelt ist meine Magensäure vor lauter Wut.
M.s „bei mir macht er das nicht“ oder „er macht das doch nicht mit Absicht“  ist in solchen Situation ungefähr so hilfreich wie Pickel am Tag der eigenen Hochzeit. Und ich bin versucht, an solchen Tagen alles hinzuschmeissen und M. den Hauptteil der Erziehungsarbeit machen zu lassen. Er wird ja schon noch sehen…

Aber was hilft in so einem Fall? 

Mir eine sehr gute Freundin, deren Sohn mit meinem irgendwie seelenverwandt sein muss. Auf alle Fälle kommen beide ständig gleichzeitig in dieselben anstrengenden Phasen. Und meine Schwester, die zwei (!!!) kleine Kinder hat. Wir können uns den Tag darüber austauschen, wie SCHEIßE es ist, wie sehr wir es HASSEN und was alles zum KOTZEN ist. 

Da wir uns am Ende dann doch wieder erzählen, was die Kinder alles so Zauberhaftes gemacht haben und wir uns zuckersüße Bilder der Quälgeister schicken, halte ich das Aufregen für moralisch vertretbar.

Außerdem reduziere ich die Konfliktsituationen. Bei uns gibt es nur noch abends Brei. Denn das Löffel-aus-der-Hand-schlag-Spiel ertrage ich nicht dreimal am Tag ohne Auszuflippen. Angezogen bekommt er zur Zeit keinen Body. Nicht, nachdem er sich beim Anziehen so sehr windet und ich ihn kopfüber vom Wickltisch runterhängen lassen muss, damit ich diese blöden Knöpfe unten zu bekomme. Außerdem verfrachte ich ihn in den Kinderwagen und laufe aggressiv durch die Gegend. Dabei höre ich Musik und ignoriere die abfälligen Blicke der Menschen um mich herum.

Denn ja, ich will mich gerade nicht mit meinem Kind beschäftigen. Darf es aber aus ethischen Gründen nicht einfach an einen Zaun binden.

In manchen Situationen bin ich auch zugegebenermaßen heillos überfordert. Denn es gibt Dinge, die müssen einfach sein und Dinge, die er einfach nicht darf. Aber was macht man dann mit so einem Wutzwerg, der sich schreiend auf dem Boden windet, nach einem schlägt, kratzt und beißt?

So lang ich keine zen-mäßige Übergeduld entwickelt habe, rangeln wir auf dem Boden und ich zwinge ihn einfach in die Jacke oder ihm die Zahnbürste in den Mund.

Glücklich macht mich das wirklich nicht. Ihm in jeder Situation seinen Willen zu lassen, halte ich aber auch nicht für sinnvoll. Vor allem denke ich dann an diese eine Mutter (in irgendeinem Text schon mal erwähnt, da für mich Paradebeispiel der Mütterluschen), die ständig zu spät kam, weil beide Kinder im Auto vorne sitzen wollten und sie jedes Mal zweimal fahren musste.

Und, bei aller Liebe, aber äh, nein.

Also, was tun? Erstmal finde ich mich wohl oder übel damit ab, meistens der böse Cop sein zu müssen (bei Papa ist ja eh alles besser, hmpf) und sowohl Trösterin, Versorgerin, Kuschelobjekt als auch Sparring-Partnerin und Punching Ball meines Sohnes zu sein.

Und ansonsten das Mantra "Es ist nur eine Phase, nur eine Phase, nur eine Phase..." zu murmeln, während ich heulend vor Frust hinter geschlossenen Türen Gegenstände durch die Gegend werfe*...

Was tut ihr, wenn euch eure Kinder zur Weißglut treiben? Oder seid ihr immer und in jeder Situation tiefenentspannt? 
Falls ja, brauche ich dringend das Rezept dafür!

*Und ja, es ist immer nur eine Phase. Nach ein paar Tagen Dauerärger und geballter Rebellion überrascht mich Sohnemann plötzlich mit neuen Fähigkeiten und einem endlich wieder entspannten Gemüt. So als wäre nie was gewesen...

Kommentare:

  1. Oh Gott das ist der beste Beitrag ever. Ich liebe wie du schreibst, ich habe soooo sehr gelacht. Bitte mehr davon!!! <3

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  2. Ich musste auch herzhaften lachen, auch wenn mir bewusst ist, dass du in den beschriebenen Situationen sicher nichts zu lachen hast. Ich fühle mit dir und versteh dich gut und kriege bei Müttern, bei denen angeblich alles heiter Sonnenschein ist, etwas Brechreiz.

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  3. Chutriel, ich will ein Kind von dir! :D (Haha, wie das einfach passt) Aber ernsthaft, ich bin dein Fan :D
    Du schreibst einfach das, was keiner sich traut zu sagen.
    Ich erkenne mich in deinem Text zu 100% wieder. ;)

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  4. Daaaaaaaanke <3! Freut mich, dass ihr meinen Beitrag gerne lest!

    Zumal ich bei dem Bericht wirklich unsicher war, ihn zu posten. Der liegt nämlich schon seit Anfang Juli hier rum. Schokominza hat ihn heute veröffentlicht, weil ich gerade wegen dem Renovierungsstress nicht zum Schreiben komme.

    Ist ein schwieriges Thema, zum Glück haben wir uns doch getraut :). Gestern wurde ich auch böse angeguckt, weil ich auf die Frage, warum er denn so schlimm schreit, sagen musste "Er ist einfach ein Arsch gerade." Vielleicht haben andere Mütter dauer-Sonnenschein-Kinder, stärkere Nerven oder lügen einfach. Wer weiß das schon ;).

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    1. Gott, wie kann man über das eigene Kind so abfällig und widerlich schreiben? Suche dir Hilfe.

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    2. Nett ist das nicht, das stimmt wohl. Ich versuche halt, auch über die negativen Gefühle zu schreiben, die ich nun mal empfinde. Abfällig ist es dabei allerdings nie gemeint. Wenn es so rüberkommt, liegt es vermutlich an meinem grenzwertigen Humor. Zum Glück wird er auch von einigen als solcher verstanden.

      Hilfe suche ich mir in jeder Situation, mit der ich nicht zurechtkomme (siehe die Einschlafproblematik bei uns), danke für den garantiert nett gemeinten Ratschlag :).

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    3. Liebe anonym!
      Ich glaube wenn du sowas schreibst,bist du entweder keine Mama oder aber du spielst nach außen hin einen auf super Mutti! Denn ich kann chutriel nur zustimmen! Nichts kann mich so wütend machen,wie mein eigenes Kind! Chutriel du sprichst mir aus der Seele :)

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    4. Wir reden hier von Babys oder ?
      Auf ein Baby wütend sein ?

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    5. Liebe marypenny, wenn ich sowas schreibe, dann bin ich weder kinderlos noch nach außen hin eine supermutti, sondern einfach nur entsetzt über so wenig Selbstbeherrschung und Respektlosigkeit dem eigenen Kind gegenüber. Ich bin selbst Mutter und oftmals übermüdet und erschöpft (auch, wenn es mir laut deiner Definition nicht zusteht, überfordert zu sein, da nicht Alleinerziehend). Dennoch würde ich nicht einmal auf die Idee kommen, mein Kind als Arschloch zu betiteln oder das Leben mit ihm scheiße zu finden. Aber gut, das ist dann wohl der "Humor", den ich nicht teilen und auch nicht verstehen kann. Da kann man für den Jungen nur hoffen, dass er diesen Blog nie lesen wird.
      Und wenn der Sohn beim Papa ganz anders drauf ist, als bei dir chutriel.... Ja dann würde ich mir ernsthaft Gedanken machen und an der Beziehung zu meinem Kind arbeiten anstatt öffentlich dermaßen über den ach so scheiß Alltag zu erzählen.

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    6. Deswegen lag der Artikel nun auch schon länger in Reserve... Er ist schon ziemlich hart und kann falsch verstanden werden, das wissen wir. Aber wenn ein Kind eine Phase durchlebt, dann kommt man leider manchmal ans Ende seiner Kräfte. Letztlich haben wir uns fürs Veröffentlichen entschieden, weil es anderen Mamas helfen kann, zu wissen, dass sie nicht alleine sind, wenn sie an einer Phase verzweifeln.
      Man beachte aber auch den Nachtrag: "Nach ein paar Tagen Dauerärger und geballter Rebellion überrascht mich Sohnemann plötzlich mit neuen Fähigkeiten und einem endlich wieder entspannten Gemüt." Das Kind ist zauberhaft - das kann ich aus einer pesönlichen Begegnung berichten - und auch die Mama ist eine ganz Liebe und Gelassene.

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    7. Natürlich ist mein Kind zauberhaft und zu 99% das tollste auf der Welt (so wie das Leben mit ihm), aber es gibt nun mal auch den Prozentsatz, an dem es nicht der Fall ist.
      Als Mutter werden einem aber negative Gefühle abgesprochen. Sogar wenn sie nur einen kleinen Teil der Beziehung zu dem Kind ausmachen, wird gleich die ganze Mutter-Kind-Verbindung in Frage gestellt. Und das finde ich absolut falsch.

      Die Mutter im Supermarkt, die ihr Kind anbrüllt und weiterzieht, weil es gerade trotzt und Theater macht, wird sofort zum Fall fürs Jugendamt erklärt und mit abfälligen Blicken gestraft. Anstatt Verständnis und Mitgefühl für die schwierige Situation zu bekommen, die sie gerade überfordert.
      Und wie schnell "tut einem das Kind so Leid" - Gott, wie ich persönlich diese selbstgerechte Arroganz an vornehmlich anderen Mütter ätzend finde - wenn man irgendein Verhalten der Mutter dem Kind gegenüber bewertet. Da wird wegen einem so geringen Anteil an mangelnder Selbstbeherrschung oder Überforderung der Großteil der Aufopferung, Zuneigung und ständiger Fürsorge ignoriert und das Kind ein zu bedauernder Fall erklärt oder der Mutter direkt die Fähigkeit abgesprochen, die beste Mutter für ihr Kind zu sein.

      Denn leider wird einem vom Umfeld suggeriert, dass das Mamasein 24/7-Glückseligkeit zu bedeuten hat, dass man es immer lieben MUSS. Es gibt aber auch die schwachen Momenten, in denen ich lieber woanders wäre, in denen ich das Leben mit Kind wirklich scheiße finde. Das ist nicht schön, aber leider wahr.

      Er wird das alles hier lesen, wenn er alt genug ist, das zu verstehen. Bis dahin werde ich auch weiterhin negative Gefühle zulassen und auch artikulieren. Mir ist es wichtig, authentisch zu bleiben. Auch vor meinem Kind. An der Kritik hier erkenne ich ja auch, wie schnell der Rest überlesen wird. Ich lasse meine Wut nie an ihm aus, heule vor Frust hinter verschlossener Tür, bleibe ihm gegenüber immer möglichst fair und rede mit _anderen_ darüber, was ich gerade so alles zum Kotzen finde.

      Da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie hart Kinder mit ihren eigenen Eltern ins Gericht gehen, wird mein Sohn eh später mein schlimmster Kritiker, in so fern bin ich ihm - und nur ihm - Rechenschaft schuldig. Seitdem ich das für mich erkannt habe, stören mich die abfälligen Blicke oder Kommentare wenig.

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    8. Liebe anonym,ich sagte nie,dass man nicht überfordert sein darf! Ich sagte lediglich,dass ich es nicht so ganz nachvollziehen kann,wie man trotzdem rummeckert wie überfordert man sein,wo der Mann einem doch auch was abnehmen kann!
      Desweiteren möchte ich anmerken,dass ich finde,dass man auf sein Kind sehr wohl wütend sein kann!
      Ich denke,chutriel steht zu allem was sie sagt!
      Und ich denke DIR steht es am allerwenigsten zu über irgendeine zu urteilen

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    9. Es freut mich natürlich für dich,dass dein Leben so perfekt ist!
      (Obwohl ich der festen Überzeugung von,dass keine Mutter dieser Welt erzählen kann,dass die Welt immer rosarot und leicht ist! Jede Mutter hat schon mal überlegt,ihr Kind im Wald auszusetzen,wenns mal wieder den ganzen Tag ohne Grund geschrien hat! Aber sorry,du scheinst ja nicht dazu zu gehören;))

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  5. Lenore85 (Nadine)16. August 2014 um 12:08

    @chutriel <3!!!!!

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  6. Du schreibst wirklich toll. Liest sich wie ein Roman .
    Du beschreibst aber sein Leben oder ? Dein Kind ?
    Das finde ich mehr als bedenklich .
    Was machst du wenn zupacken nicht mehr hilft ? Wenn der Junge größer wird ? Ich würde auch über Hilfe nachdenken .

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    1. Fest zugepackt wird ja in Situationen, in denen er sich vom Wickeltisch windet oder sich nicht anziehen lässt. Dann halte ich ihn fest, bis er sich abgeregt hat.
      Wenn er älter wird, kann man ihm die Dinge, die notwendig sind (anziehen, Zähne putzen, wickeln) anders begreiflich machen. Einem Einjährigen erkläre ich es dreimal, öfter aber nicht. Mit Kleinkindern zu diskutieren finde ich fruchtlos.
      Ich weiß, dass das Ausnutzen meiner körperlichen Überlegenheit ihm gegenüber schon als Gewalt ausgelegt werden kann, Festhalten finde ich persönlich aber noch nicht bedenklich.
      Alternativ geht er bspw bei Regen ohne Jacke und Mütze raus. Und das geht ja auch nicht. Je älter er wird umso besser versteht er Konsequenzen auf sein Verhalten, dann kann man diskutieren bzw mehr Spielraum und Mitspracherecht geben. Bei Gewaltanwendung dem eigenen Kind gegenüber ist in jedem Fall Hilfe angebracht.

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    2. Ich liebe deine Art zu schreiben!
      Auch wenn der Text teils ziemlich hart ist, verstehe ich dich total.
      Du sprichst aus, was dich nervt und fertig macht und das ist auch gut so. Das würde ich mich nie trauen, aber dennoch kommen auch mal Gedanken, wo man sich fragt "Was der kleine Stinker denn nun schon wieder für ein Problem hat"... mach weiter so!
      Lg, Pfeffi

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